
Am 1. Juni 2011 startete unser aktuelles Forschungsprojekt mit zwei Jahren Laufzeit. Dieses Projekt wurde im Förderprogramm "Innovative Projekte" des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst (MWK) des Landes Baden-Württemberg genehmigt. Es handelt sich um ein Kooperationsprojekt der Hochschulen für angewandte Wissenschaft in Baden-Württemberg, Esslingen und Furtwangen, vertreten durch Prof. Dr. Katja Maar und Prof. Dr. Stefan Selke.
Der Titel des Forschungsprojekts lautet: "Tafel-Monitor: Transformation der Lebensmitteltafeln und ähnlicher existenzunterstützender Angebote im institutionellen Spannungsfeld zwischen Angebot und Nachfrage". Aus diesem Titel wird deutlich, um was es uns als Forschungsgruppe in diesem Projekt geht: ein Monitoring auf der Basis empirischer Fakten. Ziel ist es, den gesellschaftlichen Diskurs weg vom "Meinungszirkus" zu bringen und die Basis für einen gemeinsamen Dialog zwischen Wissenschaft, Praxis und Politik zu legen.
Es geht darum, den aktuellen und zukünftigen gesellschafts- und sozialpolitischen Stellenwert der Tafeln (und ähnlicher Einrichtungen) in Hinblick auf die Versorgung von Menschen in existenziellen Notlagen in qualitativen Fallstudien zu erheben und damit relevante Einflussfaktoren für die zukünftige Transformation der Tafeln zu benennen. Explizit verfolgt das Projekt daher auch die Absicht, zu einem Interessensausgleich zwischen den einzelnen Akteuren (Nutzer von Tafeln, Betreiber von Tafeln, politische Akteure) beizutragen.
Dabei stehen - im Sinne eines Monitorings - folgende Perspektiven im Mittelpunkt des Projekts: die Perspektive der Tafel-Nachfragenden sowie die Perspektive der Tafel-Anbietenden. Beide werden gleichermaßen ernst genommen, müssen aber auch einer empirischen Prüfung Bestand halten.
Zudem verfolgt das Projekt - auf einer Metaebene - die Frage, ob Tafeln und deren Arbeit sozial nachhaltig sind. Hierzu werden klassische und moderne Nachhaltigkeitsleitbilder mit der Praxis der Tafeln verglichen und die Meinung von Nachhaltigkeitsexperten einbezogen.

Dieses Forschungsprojekt wurde von den fünf Diözesan-Caritasverbänden in Nordrhein-Westfalen (Aachen, Essen, Köln, Münster, Paderborn) inititiert. Es basiert auf dem Konzeptpapier "Zwischen Sozialstaat und Barmherzigkeit. Positionspapier der Caritas NRW zu niedrigschwelligen, existenzunterstützenden Angeboten", das 2008 veröffentlicht wurde. Die dort aufgeworfenen Fragen wurden in eine empirische Studie (qualitativ und quantitativ) überführt.
In dieser bereits abgeschlossen Studie der Forschungsgruppe "Tafeln" wurden erstmals systematisch zwei zentrale Forschungslücken bearbeitet:
Die erste Forschungslücke betrifft das fehlende Wissen über die Selbstbilder von Laienhelfern und Vertretern der professionellen Sozialen Arbeit im Feld der Tafeln und anderen existenzunterstützenden Angebote. Hierbei ging es v.a. um die Rekonstruktion der unterschiedlichen Hilfskulturen - im Sinne von Motiven und Professionsverständnissen. Für diesen Studienteil wurden n=857 Helfer mit einem standardisierten Fragebogen befragt. Die Ergebnisse wurden statistisch ausgewertet.
Die zweite Forschungslücke betrifft das fehlende Wissen über die subjektiven Sichtweisen bzw. die spezifischen Perspektiven von Nutzern von Tafeln und anderen existenzunterstützenden Angebote. Hierbei ging es um die Evaluation der (positiven wie negativen) Erfahrungen der Nutzer, deren Selbstbild als Nutzer sowie die Einschätzung des gesellschaftlichen Stellenwerts der Hilfsangebote. Für diesen Studienteil wurden n=41 leitfadengestützte Gespräche durchgeführt und mit den Methoden der qualitativen Sozialforschung analysiert.
Insgesamt erbrachte die Studie die Einsicht, dass es zahlreiche (sichtbare und unsichtbare) "Grenzen der guten Tat" gibt - so auch der Titel des Abschlussberichts der Forschungsgruppe "Tafeln". Dieser findet sich in der Publikation "Brauchen wir Tafeln, Suppenküchen und Kleiderkammern? Hilfen zwischen Sozialstaat und Barmherzigkeit" , die aus der Studie hervorging.