Über den Autor




Dr. phil. Stefan Selke ist Professor für Soziologie an der Hochschule Furtwangen University im Schwarzwald. Er gilt lt. Wikipedia als stärkster Kritiker des Tafelsystems. Stefan Selke ist gleichzeitig Initiator und Betreiber von tafelforum.de. 

Aus einem Interview von Karl Garbe (Publizist aus Bonn) mit dem Autor zu den Hintergründen des Buches "Fast ganz unten": 

Wie kommt man als Mediensoziologe zum Thema Tafeln?
„Eigentlich beschäftige ich mich mit Themen wie Web 2.0, digitalen Bildern und ähnlichen Themen. Trotz der breiten Streuung meiner Arbeitsbereiche gibt es jedoch eine Art Leitfrage, die ich mir immer wieder stelle. Sie lautet: Was ist das für eine Wirklichkeit, in der wir leben? Was ist uns darin wichtig? Wie geben wir dem, was wir tun, einen Sinn?
Als ich die Tafeln kennenlernte, war ich selbst gerade arbeitslos. Dann hat es aber noch eine Zeit lang gedauert, bis ich die Möglichkeit fand, mich näher mit den Tafeln zu beschäftigen. Der Auslöser dazu war in jedem Fall meine persönliche Betroffenheit. Als ich das erste Mal Menschen sah, die auf der Straße und im Schneetreiben vor einer Tafel anstanden, wusste ich, dass sich unsere Gesellschaft definitiv verändert hatte. Diesen Veränderungen wollte ich nachspüren und mit soziologischem Blick beschreiben.“
   
Wie kam es zu dem Buch?
„Hier kam mir ein Zufall zu Hilfe. Eine meiner Studentinnen engagierte sich selbst ehrenamtlich bei einer Tafel. Ich kam mit ihr ins Gespräch. Nachdem ich auf große Offenheit dieser Tafel stieß, beschloss ich, dort ein Jahr lang die Praxis zu beobachten und zu dokumentieren. Als ich dann nach einiger Zeit meine Aufzeichnungen ordnete, wurde mir klar, dass ich genug Material für ein Buch hatte. Und so begann ich, eines zu schreiben.“

Wie sind Sie dabei vorgegangen?
„Als Soziologe lernt man, wie man sich in einem sozialen Feld unsichtbar macht und auf die vielen kleinen Details achtet, die eine große Rolle spielen. Sie machen letztlich die Wirklichkeit der Orte, Menschen und Handlungen aus. Ich habe einfach bei allem mitgemacht, was sich mir anbot. Ich war dabei, als Nahrungsmittel bei Spendern abgeholt und als diese in der Tafel verteilt wurden. Ich nahm an vielen Mitgliederversammlungen und Tafeltreffen teil, weil dort die tiefer liegenden Probleme von Tafeln zur Sprache kamen. Ich traf Helferinnen und Helfer, die mir von ihrem ehrenamtlichen Engagement erzählten. Und vor allem führte ich lange Gespräche mit den Menschen, um die es eigentlich geht, den Betroffenen oder Kunden der Tafeln.“

Was haben Sie bei Ihren Beobachtungen erlebt?
„Ich habe ein eingespieltes System gegenseitiger Abhängigkeiten wahrgenommen. Die Tafelaktiven fühlen eine Riesenverantwortung für die betroffenen Menschen, denen sie Woche für Woche helfen, über die Runden zu kommen. Sie brauchen aber die Arbeit bei den Tafeln auch als Strukturgeber für ihr eigenes Leben. In meinem Buch beschreibe ich abwechselnd beide Welten: Die Welt der Helfer und der sich immer weiter ausdifferenzierenden Hilfsbereitschaft, oft auch Hilfswütigkeit. Und die Welt der Kunden, die Art und Weise, wie diese die Tafeln zur Gestaltung ihrer Lebenssituation benötigen, die Stigmatisierung durch öffentlich sichtbare Armut, die menschlichen Verhaltensweisen zwischen Gier und Bescheidenheit.“

Was beschreiben Sie sonst noch in Ihrem Buch?
„Begonnen habe ich damit, einfach alles zu dokumentieren, was mir an der Praxis der Tafeln auffiel. Es dauerte aber nicht lange, um meinen Blick neben dem Offensichtlichen auch auf das Verborgene zu lenken. Im Buch berichte ich daher gerade auch von Paradoxien und unintendierten Nebeneffekten der eigentlich gut gemeinten Hilfsbereitschaft. Darüber, welche enormen Spannungen es innerhalb einer einzigen Tafel und erst recht der Gesamtheit aller Tafeln gibt. Und ich stelle am Ende des Buches Thesen auf, die zum Nachdenken über die Zukunft der Tafeln anregen sollen.“

Wen möchten Sie mit dem Buch ansprechen?
„Das Buch ‚fast ganz unten’ ist eine anschauliche, mit Fotos illustrierte, Sozialreportage und auf keinen Fall trockene wissenschaftliche Spezialliteratur. Es wendet sich dennoch an Fachkollegen und Studierende der Soziologie, vor allem aber auch an alle Bürgerinnen und Bürger, die an weiterführenden Informationen zu Tafeln interessiert sind. Und natürlich möchte ich auch diejenigen ansprechen, die jetzt schon in der Tafelwelt zu Hause sind, die aber bereit sind, einmal die Betrachtungsweise zu wechseln. Ich wünsche mir auch, dass das Buch in die Hände von Politikern gerät, die darin die eigentliche Tragweite des Tafelthemas erkennen können.“

Wie geht es nun weiter?
„Das Buch ‚fast ganz unten’ ist nur ein erster Schritt. Ebenso wie die vielen Tafelaktiven möchte ich in dieser Gesellschaft etwas bewegen. Das nächste Buch, ein Sammelband mit wissenschaftlichen Fachartikeln, ist gerade in Arbeit. Die Arbeit daran hat mich auf die Idee gebracht, tafelforum.de zu gründen und ins Netz zu stellen. Ich wünsche mir, dass auf dieser Plattform möglichst viele interessierte Menschen ohne Scheuklappen zusammen kommen und über das Thema Tafeln diskutieren. Die Früchte dieser Diskussion werden sich dann in neuen Projekten niederschlagen.“

www.Tafelforum.de© 2008 | Veranstaltungen | Tafelwelt | Buchtipp | Symposion '10 | Diskussionsforum | Netzwerk | Unterstützer | Kontakt | Impressum