Hier können Sie aus dem Buch "Fast ganz unten. Wie man in Deutschland durch die Hilfe von Lebensmitteltafeln satt wird" probelesen...

Aus dem Vorwort



Meist unbekannt und unsichtbar gibt es, mitten unter uns und zwischen der Scheinnormalität bürgerlicher Existenzen, eine ganze Reihe von Orten, die Tore sind in eine parallele Welt. Orte, die Übergänge markieren. Orte, die mit unterschiedlicher Eindringlichkeit darauf hinweisen, dass es auch in Deutschland, einem der reichsten Länder der Erde, Menschen gibt, die arm sind, und nicht genug zu essen haben. Orte, die eine Art Unbehagen an der eigenen Gesellschaft konkret vor Augen führen. Diese Orte sind die Lebensmitteltafeln...

Immer häufiger geht es in diesem Land um die Frage, wer (noch) dazu gehört und wer nicht. In unserer Gesellschaft werden Prozesse der Integration und umgekehrt der Ausgrenzung immer augenfälliger, zwingender und endgültiger. Wenn eine Millionen Menschen nicht mehr richtig dazu gehören und sich „fast ganz unten“ befinden, kann davon das gesellschaftliche Selbstverständnis nicht unberührt bleiben. Dieses Buch stellt Fragen an unser Selbstverständnis des großen Ganzen und geht damit über eine idealisierende Betrachtung einzelner Tafeln hinaus. Es dient der detailreichen, sezierenden Beschreibung der Wirklichkeit als Akt des Widerstandes gegen Gleichgültigkeit...

Aus dem Kapitel "Speisereste im Supermarkt"




Ich will mir selbst ein Bild davon machen, wie dieses Angebot zustande kommt. Daher meldete ich mich als Helfer für eine weitere Sammelfahrt. Wie fleißige Bienen schwärmen die freiwilligen Helfer der Tafeln mit Privatautos und Lieferwägen aus. Sie bewegen sich auf einer festen Route von Supermarkt zu Supermarkt, von Geschäft zu Geschäft. Sie sammeln das, was übrig geblieben ist.

Auf meinem Handydisplay sehe ich, dass mich einer der Helfer der örtlichen Tafel schon drei Mal angerufen hat. Die Nummer kenne ich inzwischen auswendig. In diesem Moment fällt mir ein, dass ich einen Termin vergessen habe. Zwei Minuten später klingelt das Telefon erneut. „In 20 Minuten bin ich fertig, holen Sie mich ab“, entschuldige ich mich knapp, lege auf und radle nach Hause. Es bleibt gerade Zeit, mir meine Arbeitskleidung anzuziehen. Der Tafelhelfer hatte am Telefon von einem verunglückten LKW gesprochen. Voll mit Mandarinen - Mandarinen, mit denen man „alle Kinder dieser Stadt versorgen könnte“, wie er sich ausdrückte. Als ich abgeholt werde, stellt sich heraus, dass sich schon andere Mitarbeiter um die Bergung des havarierten LKWs kümmern. Dies ist einer der seltenen Fälle, in denen die Tafeln Ware „satt“ bekommen. Dann aktivieren sie das Netz der Helfer. Alle anderen Tafeln der Region, die flexibel genug sind, dürfen dann ebenfalls vom Warensegen profitieren. „95% der Ware war Tipp Top“, erzählt mir später ein Tafelhelfer frustriert darüber, dass er einen großen Teil der Mandarinen einfach zurücklassen musste. „Das hätten wir alles mitnehmen können. Eine Schande!“. Sein Leiden entspringt der langjährigen Erfahrung, dass sich der Alltag der Tafeln meist durch Mangel, nicht durch Überfluss auszeichnet.


Wir fahren zu einem Einkaufszentrum am Rande der Stadt. Vor dem geschlossenen Rolltor an der Zufahrt zum unterirdischen Lagertrakt warten schon drei andere LKWs. Selbstbewusst fährt der Tafelmitarbeiter an ihnen vorbei und ruft kurz eine Mobilfunknummer an. „Ich habe mir dieses Privileg hart erarbeitet“, erklärt er mir die bevorzugte Behandlung. Das Lager, das als Warenannahme dient, ist riesig. Bis unter die Decke stapeln sich Bierkisten, Waschmittelkartons und sonstige Waren. Wir parken den Tafellieferwagen quer vor einem Dutzend brauner Tonnen, die die Aufschrift „Speisereste“ tragen. Auf uns wartet die eher unschöne Aufgabe, die jedoch genauso zum Tafelalltag gehört, wie die Ausgabe der Lebensmittel. Eine typische Hintergrundarbeit. Die Tonnen stinken. Die Aufschrift „Speisereste“ macht schnell klar, wonach. Zum Glück ist es Winter und kalt. Wir sortieren ungefähr 40 Kartons, voll mit Obst und Gemüse, die dieser Supermarkt der Tafel zweimal wöchentlich spendet. Zwei mal pro Woche müssen die freiwilligen Helfer der Tafel diese Spenderware sortieren, um genügend Vorräte für ihre „Kunden“ zu sammeln.

Ein Teil der Ware wird direkt in die Tonnen für Speisereste entsorgt: zerquetschte Birnen, fauliger Salat, fleckige Möhren, matschige Paprika, Äpfel mit zu großen Druckstellen. Aber dazwischen findet sich auch noch genügend Brauchbares. Diese Ware wird in Kisten umsortiert und im Lieferwagen mit dem orangefarbenen Tafellogo gestapelt. Von allem ein bisschen. Das Umsortieren lohnt sich letztlich, ist aber mühsam und - in einem Wort -  eklig.


„Warenannahme videoüberwacht“ steht neben dem Lieferanteneingang. Ich begleite einen Tafelmitarbeiter auf seinem Gang in das für „normale“ Kunden unbekannte Innere des Supermarktes. Durch eine große Scheibe sehen wir zwei Metzgern zu, die gerade Hackfleisch herstellen. Wir suchen die riesige Kühlkammer, in der eine niedliche Kiste mit Joghurts und anderen Molkereiprodukten auf uns wartet. Auf dem Weg dorthin blicke ich von hinten durch die verglaste Käsetheke hinein in den Supermarkt. Wir befinden uns auf der anderen Seite. Drinnen, das ist eine andere Welt. Dort bewegen sich die Kunden zu den bekannten einlullenden Supermarktmelodien vom Endlosband auf kühl berechneten Wegen, die sie zu immer mehr Konsum stimulieren sollen. Hier, auf dieser Seite, befinden sich die Vorratsstätten dieser Konsumwelt. Von hier hinten werden die Kühltheken regelmäßig mit frischer Ware aufgefüllt. Über einige Packungen Ziegenkäse hinweg erblicke ich einen Kunden, der durch den Supermarkt schlendert. Es ist 11 Uhr vormittags. Vielleicht überlegt er sich gerade, welche Sorte Käse er für heute Abend kaufen soll. Morgen, zur gleichen Zeit, aber an anderem Ort, stehen knapp 100 Menschen auf der Straße Schlange. Sie stehen dort und warten, bis sie die Reste jener Welt, in die ich gerade blicke, als milde Gabe in Empfang nehmen können. Wir haben daher heute keine andere Wahl, als uns über alles zu freuen, was heute aussortiert wird. Übrig bleibt, was der erste Markt, der nach seinen eigenen Gesetzen funktioniert, abstößt.


Unter den gespendeten Waren entdecke ich einen Karton, voll mit Schokoladentafeln. Warum werden sie weggeworfen? Wahrscheinlich hat sich in der Konkurrenz unzähliger Geschmacksrichtungen diese „auf dem Markt“ nicht durchsetzen können. Übrig ist auch eine aufgerissene Packung mit wunderbar duftenden Kaffeebohnen, ein wohltuender Kontrast neben dem Gestank der Tonnen mit Speiseresten. Daneben gibt es Kandiszucker, ein paar lose Pralinen und ein Dutzend Packungen eines Energie-Tonikums zur Stärkung von Herz, Kreislauf und Nerven. Ich stelle mir vor, wie diese Packungen an die Kunden der Tafel ausgegeben werden. Sie könnten es nötig haben, denn Existenzängste zerren am Nervenkostüm. Ob es sie beruhigt?

Nach zwei Stunden teilweise recht unappetitlicher Arbeit fahren wir mit einem gut gefüllten Lieferwagen zurück zur Tafel. Zusammen mit ein paar 1-Euro-Jobbern beginnen wir, die Kisten und Kartons auszuladen. Drinnen im Tafelladen herrscht schon Hochbetrieb, denn der nächste Tag ist ein Ausgabetag. Es wird ein guter Tag für die Kunden. Heute Abend werden die Lager mehr als gefüllt sein. Aber dafür gibt es keine Garantie. Jede Woche verläuft für die Tafeln anders. Die Gesetze der Schattenökonomie sind ungeschrieben und dennoch beängstigend konkret.

Hinter der Theke...

Hinter der Theke...

Plötzlich taucht von irgendwo her eine Frau in zerschlissener Kleidung auf und macht ein müdes Gesicht. Sie wendet sich an einen Helfer und erzählt ihm zusammenhangslos irgendetwas. Ich verstehe fast nichts. Aber Worte wie „Freund“, „verlassen“ und „Frauenhaus“ reichen, um eine Geschichte im Kopf entstehen zu lassen. Wie immer ist das eine Geschichte, die man selbst lieber nicht erleben möchte. Aber die Person, die zu dieser Geschichte gehört, steht nun einmal vor uns. Sie fragt nach Wurst und Käse. „Irgendetwas“, stammelt sie kraftlos. Warum kommt sie nicht morgen? Morgen ist Tafeltag. Aber der Helfer der Tafel fragt nicht, er öffnet einfach den Kühlschrank und packt ihr ein kleines Sortiment zusammen. Wenn die Tafeln der gesellschaftliche Ort sind, an dem bedürftige Menschen in würdevoller Weise überflüssige Lebensmittel erhalten, dann ist diese Situation die Parodie einer Tafel. Wer bettelt, verliert seine Würde schneller als er irgendetwas über sich erklären kann. Andere versuchen noch nicht einmal etwas zu erklären. Ein paar Minuten später kommt ein Mann. Auch er taucht einfach auf. Die Rhythmen der Warenanlieferung bei der Tafel sind für viele Menschen in der näheren Umgebung auch die Rhythmen der eigenen Existenz geworden. Obwohl er so betrunken ist, dass er sich kaum aufrecht halten kann, hilft er beim Ausladen. Schließlich steht er einfach da und wartet. Darauf, dass ihm ein Helfer der Tafel etwas in die Hand drückt. „Manchmal verkauft der die Ware und geht dann in das Spielcasino hier um die Ecke und zockt“, erklärt mir eine der Helferinnen, die ihn näher kennt. Ich sehe, wie er taumelnd davongeht und zwei gelbe Paprika, die ich vor einer Stunde vor der Tonne mit Speiseresten gerettet habe, in der Hand hält. Mit dem Erlös aus deren Verkauf wird er heute sicher kein großes Spiel mehr machen. ...

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