Seit fast 20 Jahren etablieren sich Lebensmitteltafeln und ähnliche primär auf ehrenamtlichem Engagement beruhende existenzunterstützende Angebote in Deutschland. Laut Angaben des Bundesverbandes Deutsche Tafel e.V. existieren gegenwärtig allein über 870 dem Bundesverband zugehörigen Tafeln (mit insgesamt über 2000 Tafelläden und Ausgabestellen), daneben gibt es zahlreiche nicht dem Bundesverband angeschlossene existenzunterstützende Angebote, die Menschen in existenziellen Notlagen insbesondere mit Lebensmitteln versorgen.
Obwohl angesichts dieser Fakten Lebensmitteltafeln längst nicht mehr als gesellschaftliches Randphänomen betrachtet werden können, blieben sie von der Wissenschaft lange Zeit eher unbeachtet. So erschienen bis Ende der 1990er Jahre lediglich zwei relevante Aufsätze: Schäfer (1999) zeigt den Beitrag der Unternehmensberatung McKinsey zum Erfolg der Deutschen Tafeln auf. Sabine Werth, die Initiatorin der ersten Tafel in Deutschland, erläutert die Gründung und Entwicklung der Organisation aus ihrer subjektiven Perspektive (Werth 1998).
Erst mit der Jahrtausendwende wurde das „Phänomen Tafeln“ zunehmend auch im wissenschaftlichen Diskurs thematisiert. Dabei richtet sich der Focus unter anderem auf das positiv konnotierte Prinzip der Tafelarbeit, soziales und ökologisches Handeln sinnvoll miteinander zu verbinden. Die von Konstantin von Normann (2003) veröffentlichte Dissertation zum Thema Tafeln in Deutschland analysiert Erfolgsfaktoren der Tafeln, ohne dabei die gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen zu reflektieren. Zahlreiche AkteurInnen der Tafelbewegung (in der institutionellen Sphäre) dagegen gingen über diesen feldfokussierten Untersuchungsrahmen hinaus und diskutierten die Tafeln nun auch im Spiegel gesellschaftspolitischer Zusammenhänge (vgl. Zahn/Schäfers 2010). Die schwerpunktmäßige Beschäftigung mit TafelhelferInnen und deren anerkennungswürdigen Leistungen (vgl. von Normann 2003: 99) führte schließlich dazu,. die NutzerInnen der Tafeln weitestgehend aus dem Blickfeld zu verlieren.
Andere Studien konzentrieren sich auf die Untersuchung der Arbeitsweise und des „Innenlebens“ von Tafeln sowie des von der Organisation erbrachten „Outputs“ (exemplarisch Igl et al. 2008). Der enorme Anstieg der Nachfrage nach den Lebensmitteln der Tafeln infolge der Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zu Hartz-IV im Jahr 2005 bewirkte letztendlich, dass auch die gesellschaftliche Funktion und Bedeutung der Lebensmitteltafelarbeit zunehmend kritisch hinterfragt wurde. Steigende Armut bei gleichzeitig sinkenden sozialstaatlichen Leistungen, ließen den Verdacht aufkommen, dass die allgegenwärtigen Schlangen vor den Ausgabestellen der Lebensmitteltafeln Ausdruck sozialpolitischer Versäumnisse sind. Es wird deutlich, dass auch der engagierte Einsatz der TafelhelferInnen kein langfristiges Lösungskonzept zur Armutsbekämpfung sein kann.
Es kam zu einem Paradigmenwechsel in der Wahrnehmung der Tafeln. Die vielfältigen Paradoxien der Tafeln wurden erstmals in der Sozialreportage „Fast ganz unten. Wie man in Deutschland mit Hilfe der Lebensmitteltafeln satt wird“ (Selke 2008) thematisiert. Dabei wird auch die gesellschaftliche Bedeutung der Tafeln kritisch hinterfragt. Selke beschreibt in Form von ethnografischen Beobachtungen und soziologischen Analysen exemplarisch die Praxis der Tafeln, die Mentalität der HelferInnen und die Ängste der NutzerInnen. Der erste von Selke editierte Sammelband (2009) vereint erstmals Beiträge aus dem soziologischen, organisationsstrukturellen, ernährungswissenschaftlichen, politisch-gesellschaftlichen und historischen Kontext und spiegelt somit die zunehmende inhaltliche und auch interdisziplinäre Ausdifferenzierung des Tafelthemas wider.
Weitere aktuelle Fachpublikationen reflektieren auf einer Metaebene den „Boom der Tafel-Deutungen“ (Lorenz 2009) oder ordnen Tafeln theoretisch in die Diskurse um Konsumismus und Überflussgesellschaft ein (Lorenz 2010). Der von Lorenz (2010) editierte Sammelband „TafelGesellschaft. Zum neuen Umgang mit Überfluss und Ausgrenzung“, verdeutlicht, wie sich die Überflussgesellschaft anhand der wohltätigen Verteilung von Lebensmitteln polarisiert: Politische Stellungnahmen betonen die soziale Erwünschtheit der Tafeln (exemplarisch Göring-Eckhardt 2010) während gleichzeitig die Kritik an Tafeln und damit deren begleitende Erforschung legitimiert wird (Selke 2010b, Gurr 2010). Neben einer zunehmenden Akademisierung des Diskurses ist gegenwärtig auch eine Erweiterung des Themenspektrums feststellbar. So werden z.B. explizit Tafelangebote für Kinder untersucht (Becker 2010), nach der gesellschaftlichen Verantwortung von SpenderInnen gefragt (Hiß 2010) oder Beschämungsaspekte bei der Nutzung von Tafeln thematisiert (Lorenz 2010 a, b).
Der zweite von Selke (2010) herausgegebene Sammelband „Kritik der Tafeln. Standortbestimmung zu einem ambivalenten sozialen Phänomen“ verdeutlicht hingegen die strukturelle Ambivalenz der Tafelbewegung. Er vereint zudem erstmals Beiträge von Sozialethikern verschiedener konfessioneller Herkunft (Roscher 2010, Krockauer 2010, Segbers 2010), Analysen aus sozialpädagogischer Perspektive (Maar 2010, Lutz 2010) und von Praktikern der Wohlfahrtsverbände (Bruckdorfer/Köser 2010, Thuns 2010, Zahn/Schäfers 2010), die die Richtung des Transformationsprozesses innerhalb der Tafelbewegung verdeutlichen. Weitere Beiträge von einer Richterin des Bundesverfassungsgerichts (Hohmann-Dennhardt 2010) und Armutsforschern (Butterwegge 2010, Pfeiffer 2010; Martens 2010) zeigen den engen, oftmals jedoch negierten, Zusammenhang zwischen Sozialstaatsdiskussion und der Transformation der Tafelbewegung auf.
Die von der Caritas NRW in Auftrag gegebene Studie „Evaluation existenzunterstützender Angebote in Trägerschaft von katholischen und caritativen Anbietern in Nordrhein-Westfalen“ (Selke/ Maar 2011) analysiert u.a. die Motivation der in existenzunterstützenden Angeboten tätigen MitarbeiterInnen sowie die Wirksamkeit der Hilfsangebote, insbesondere aus der Perspektive der NutzerInnen.
Weitere Spannungsfelder und Impulse für Fachdiskussionen gehen von Veröffentlichungen in den Fachzeitschriften der Wohlfahrtsverbände aus, in der die grundlegenden Thesen zur Ambivalenz der Tafeln weiterdiskutiert werden (z.B. Günter 2010, Malysseck/Störch 2010, Selke 2010b).
Zunehmend schalten sich auch die Verbände mit ihren Fachabteilungen für Soziale Fragen und Existenzsicherung in die Diskussion ein und erstellen Positions- oder Eckpunktepapiere (vgl. exemplarisch Diakonisches Werk der evangelischen Kirche in Deutschland e.V. 2007, Caritasverband für die Diözese Trier e.V. 2007, Deutscher Caritasverband 2008, Caritas NRW 2008, Diakonie Hamburg 2010, Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e.V. 2010, AWO Niederrhein 2010 u.v.m.).
Gerade diese aktuellen Veröffentlichungen verdeutlichen, dass das Phänomen Tafeln allmählich in den Fokus des wissenschaftlichen Diskurses gerückt ist und sich das Meinungsspektrum und Erkenntnisinteresse sichtbar ausdifferenziert. Dennoch können gegenwärtig weiterhin große Forschungslücken konstatiert werden. Diese betreffen zum einen die Rekonstruktion der NutzerInnenperspektive. Zum anderen besteht Forschungsbedarf hinsichtlich der Selbstwahrnehmung der meist ehrenamtlich tätigen HelferInnen sowie der gesellschaftspolitischen Zuschreibung bzw. (Selbst-)Positionierung von Lebensmitteltafeln und ähnlichen existenzunterstützenden Angeboten.
Vor diesem Hintergrund kann resümiert werden, dass sich die wissenschaftliche Tafelforschung zwar zunehmend etabliert und ausdifferenziert, sie aber dennoch erst am Anfang steht. Weitere Arbeiten sind daher dringend erforderlich, auch um den Blickwinkel auf Tafeln zu erweitern und neue Möglichkeitshorizonte zu eröffnen.
Literatur
Becker, Maike (2010): Welche Bedeutung haben Tafelangebote für Kinder. In: Lorenz, Stephan 2010 (Hg.), 81-90.
Bruckdorfer, Matthias/Silke Köser (2010): Beschränkung und sozialpolitisches Wachstum – Überlegungen zur Transformation der Tafeln. In: Selke, Stefan 2010 (Hg.), 219-232.
Butterwegge, Christoph (2010): Gerechtigkeit auf dem Rückzug. Vom bismarkschen Sozialstaat zum postmodernen Suppenküchenstaat? In: Selke, Stefan 2010 (Hg.), 73-89.
Caritas NRW (2008): Zwischen Sozialstaat und Barmherzigkeit. Positionspapier der Caritas NRW zu niedrigschwelligen, existenzunterstützenden Angeboten. Düsseldorf.
Caritas in NRW (2011): Brauchen wir Tafeln, Suppenküchen und Kleiderkammern? Hilfe zwischen Sozialstaat und Barmherzigkeit. Freiburg i.B.
Caritasverband für die Diozöse Trier e.V. (2007): Tafel Plus. Verbandliche Positionierung und konzeptionelle Hinweise. Trier.
Deutscher Caritasverband (2008): Eckpunkte des Caritasverbandes zur Beteiligung an existenzunterstützenden Dienstleistungen in Form von Lebensmittelläden. Freiburg.
Diakonie Baden-Württemberg (2010): Angebot in Würde. Sozialwissenschaftliche Untersuchung der Situation der Nutzerinnen und Nutzer von Tafelläden in Baden-Württemberg. Stuttgart.
Diakonie Hamburg (2010): Diskussionspapier zur Tafelarbeit. Hamburg
Diakonisches Werk der evangelischen Kirche in Deutschland e.V. (2007): Die Allgemeine Sozialarbeit der Diakonie im Wandel: Impulse für eine veränderte Praxis, Fachtagung 22. – 24. Oktober 2007, URL: www.diakonie.de/Texte_05_2008_Soziale_Arbeit.pdf (Zugriff am 25.7.2009)
Diakonisches Werk der Evangelischen Kirche in Deutschland e.V. (2010): „Es sollte überhaupt kein Armer unter Euch sein“. „Tafeln“ im Kontext sozialer Gerechtigkeit. Berlin.
Göring-Eckhardt, Katrin (2010): Warum sollten Tafeln politisch unterstützt werden? In: Lorenz, Stephan 2010 (Hg.), 137-151.
Günter, Markus (2010): Mit Tafeln allein lässt sich Armut nicht bekämpfen. In: neue caritas, Politik. Praxis. Forschung, Heft 6, 9-11.
Gurr, Thomas (2010): Lebensmittel gegen gar nichts. Gedanken zum Helfen und Schenken, zu Reziprokität und Wohltätigkeit. In: Selke, Stefan 2010 (Hg.), 199-217.
Hiß, Stefanie (2010): Übernehmen Unternehmen mit ihrer Unterstützung der Tafeln gesellschaftliche Verantwortung? In: Lorenz, Stephan 2010 (Hg.), 69-80.
Hohmann-Dennhardt, Christiane (2010): Sozialstaat und Gerechtigkeit. In: Selke, Stefan 2010 (Hg.), 57-71.
Igl, Gerhard/Stefanie Meischak/Stefanie Metze/Christiana Ruch/Jana Tóth (2008): Die Tafeln. Innenansichten aus dem Alltag einer sozialen Bewegung. Berlin.
Krockauer, Rainer (2010): Tafelangebote aus caritastheologischer Perspektive. In: Selke, Stefan 2010 (Hg.), 163-178.
Lorenz, Stephan (2009): Nachhaltige Wohlstandsgewinne? Der Boom der Tafel-Deutungen. In: Forschungsjournal neue soziale Bewegungen 22, 3, 116-123.
Lorenz, Stephan (2010) (Hg.): TafelGesellschaft. Zum neuen Umgang mit Überfluss und Ausgrenzung. Bielefeld.
Lorenz, Stephan (2010a): Haben Tafelnutzende Ansprüche? Lorenz, Stephan 2010 (Hg.), 103-114.
Lorenz, Stephan (2010b): Sind Tafelnutzende ‚Kunden’ – und sollten sie deshalb bei der Tafel zahlen? In: Lorenz, Stephan 2010 (Hg.), 91-102.
Lutz, Ronald (2010): Grundversorgung, Barmherzigkeit und Elendsverwaltung im Modus der Tafeln. In: Selke, Stefan 2010 (Hg.), 241-258.
Maar, Katja (2010): Tafeln aus der Perspektive der sozialpädagogischen NutzerInnenforschung. In: Selke, Stefan 2010 (Hg.), 233-240.
Malyssek, Jürgen/Klaus Störch (2010): Der Fluch der guten Tat. In: neue caritas, Politik. Praxis. Forschung, Heft 6, 14-16.
Roscher, Falk (2010): Tafelangebote aus caritastheologischer Sicht. In: Selke, Stefan (2010) (Hg.), 163-178.
Schäfer, Vera (1999): „Deutsche Tafeln“: ein pro-bono-Projekt von McKinsey und Company. In: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, 3, 68-74.
Segbers, Franz (2010): Tafeln in der Wohltätigkeitsfalle. In: In: Selke, Stefan (2010) (Hg.), 199-217.
Selke, Stefan (2008): Fast ganz unten. Wie man in Deutschland durch die Hilfe von Lebensmitteltafeln satt wird, Münster.
Selke, Stefan (2009) (Hg.): Tafeln in Deutschland. Aspekte einer sozialen Bewegung zwischen Nahrungsmittelumverteilung und Armutsintervention. Wiesbaden.
Selke, Stefan (2009a): Tafeln und Gesellschaft. Soziologische Analyse eines polymorphen Phänomens. In: Selke, Stefan (2009) (Hg.), 9-38.
Selke, Stefan (2010) (Hg.): Kritik der Tafeln in Deutschland. Standortbestimmungen zu einem ambivalenten sozialen Phänomen. Wiesbaden.
Selke, Stefan (2010b): Tafeln zwischen Mythos und Wirklichkeit. Wie Ernährungsergänzungshilfen unsere Gesellschaft verändern. In: Forum Sozial, Heft 1, 14-17.
Selke, Stefan/Maar, Katja (2011): Grenzen der guten Tat. Ergebnisse der Studie „Evaluation existenzunterstützender Angebote in Trägerschaft von katholischen und caritativen Anbietern in Nordrhein-Westfalen. In: Caritas in NRW (Hrsg.), 15-91
Thuns, Manfred (2010): Tafeln als sozialraumorientiertes Angebot. In: Selke, Stefan (2010) (Hg.), 265-284.
von Normann, Konstantin (2003): Evolution der Deutschen Tafeln. Eine Studie über die Entwicklung karitativer Nonprofit-Organisationen zur Verminderung von Ernährungsarmut in Deutschland, Dissertation, Bad Neuenahr.
Werth, Sabine (1998): Die Tafeln in Deutschland. In: Forschungsjournal Neue Soziale Bewegungen, 11/ 1998, 2, 68-73.
Zahn, Clemens/Josef Schäfers (2010): Tafeln und Stadtteilpolitik in Köln – eine Fallstudie. In: Selke, Stefan (2010) (Hg.), 285-301.